ᐅ Sanierung 60er-Jahre Haus: Fragwürdige Gutachter-Empfehlungen?
Erstellt am: 01.05.21 12:16
S
schwalbe
Hallo zusammen,
ich bin hier schon eine Weile mitlesend unterwegs, nun habe ich mich aus aktuellem Anlass angemeldet und bitte um eure Einschätzung.
Meine Freundin und ich sind beide Mitte 30, haben einen kleinen Buben (15 Monate) und werden uns in Mittelfranken ein freistehendes Einfamilienhaus (800m² Grundstück ohne Hanglage, Haus BJ 1959, ca. 123m² Wohnfläche) für 360.000 € inkl. Kaufnebenkosten kaufen. Ich war gestern mit einem Sachverständigen vor Ort und habe im Anschluss der Maklerin zugesagt. Das Haus wurde für uns verbindlich reserviert und wir werden es bekommen.
Meine Freundin (verbeamtete Lehrerin) ist absolute Baulaiin. Ich bin Ingenieur für Energieeinsparmaßnahmen. Beruflich habe ich allerdings eher mit großen Lüftungsanlagen, Blockheizkraftwerk und Kesselanlagen im dreistelligen kW-Bereich zu tun, mit Dämmung gar nix am Hut. Ich habe aber zumindest etwas Ahnung von Technik und Erfahrung mit der Abschätzung von Kosten.
Hier mal die Rahmendaten stichpunktartig, von unten nach oben:
Vor dem Gutachtertermin waren wir der Meinung, dass das eine größere Baustelle wird und wir Tabula Rasa machen.
Sprich: sämtliche Leitungen (Wasser, Elektro, Heizung) rausreißen und neu rein, Fassade dämmen, Dach dämmen, neue 3fach-Fenster. Dazu alle Bäder/WC neu, neue Küche sowieso. In Summe hatten wir die gesamten Maßnahmen mit max. 240k abgeschätzt. Freunde von uns, die ein ähnliches Objekt vor drei Jahren komplett saniert haben, hätten unsere Kalkulation auf 300k aufgerundet und dann das komplette Programm (Kernsanierung) mit KfW-Förderung und -Zuschüssen gemacht.
Nun die Erkenntnisse bzw. Gutachtermeinung von gestern:
Vorab: Den Kerl habe ich über ein Gutachterportal organisiert, es musste recht schnell gehen. Ich hatte vorab mit ihm telefoniert um den Umfang der geplanten Maßnahmen zu umreißen und war dann natürlich gespannt, wer da auftaucht. Er ist knapp 70 und laut Visitenkarte geprüfter Gutachter für Gebäudeschäden. Außerdem macht er Schimmelgutachten und baubegleitende Qualitätssicherung. Er scheint prinzipiell so der Typ "Never change a running system" zu sein. Seine Meinung zur Bausubstanz nehme ich ihm ab, bei manchen Themen schien er nicht besonders sattelfest zu sein (z.B. hätte die Effizienz einer Brennwertheizung und Rücklauftemperatur/Temperaturniveau nichts miteinander zu tun. Dämmzwang gäbe es auch nicht).
Ich bin interessiert an euren Einschätzungen zu den beschriebenen Punkten. Ich kann bei Bedarf gerne detaillierter ausführen und Info geben. Ich weiß, dass aus der Ferne eine Einschätzung nur schwer möglich ist und vor allem das Thema Dämmung ein insgesamt kontroverses ist. Da ich aber wie erwähnt damit bislang noch nicht zu tun hatte, tue ich mir schwer, die Aussagen dazu richtig einzuschätzen.
Momentan gehe ich davon aus, dass ich mit einem zweiten Fachmann (Gibt es Geheimtipps, wo man gute auftreibt?) nochmals vor Ort gehen sollte und eine Zweitmeinung einhole.
Vielleicht hat ja jemand den ganzen Roman gelesen, selbst Erfahrung mit solchen Projekten und/oder ganz andere Ideen/Einwände, die ich bislang noch gar nicht auf dem Schirm habe.
Ich freue mich, von euch zu lesen und danke vorab für jede Rückmeldung.
schwalbe
ich bin hier schon eine Weile mitlesend unterwegs, nun habe ich mich aus aktuellem Anlass angemeldet und bitte um eure Einschätzung.
Meine Freundin und ich sind beide Mitte 30, haben einen kleinen Buben (15 Monate) und werden uns in Mittelfranken ein freistehendes Einfamilienhaus (800m² Grundstück ohne Hanglage, Haus BJ 1959, ca. 123m² Wohnfläche) für 360.000 € inkl. Kaufnebenkosten kaufen. Ich war gestern mit einem Sachverständigen vor Ort und habe im Anschluss der Maklerin zugesagt. Das Haus wurde für uns verbindlich reserviert und wir werden es bekommen.
Meine Freundin (verbeamtete Lehrerin) ist absolute Baulaiin. Ich bin Ingenieur für Energieeinsparmaßnahmen. Beruflich habe ich allerdings eher mit großen Lüftungsanlagen, Blockheizkraftwerk und Kesselanlagen im dreistelligen kW-Bereich zu tun, mit Dämmung gar nix am Hut. Ich habe aber zumindest etwas Ahnung von Technik und Erfahrung mit der Abschätzung von Kosten.
Hier mal die Rahmendaten stichpunktartig, von unten nach oben:
- Keller: Heizraum+Öllager, Werkstatt, Vorrats/Speiselager, Waschküche mit Außentreppe in den Garten.
- EG: Windfang, WC, kleines Bad mit Wanne, Wohnzimmer mit Schwedenofen und Terrassentür (Gartenzugang), Esszimmer, Küche
- OG: Bad (ebenfalls mit Holzboden und Teppich drauf), 3 Schlafzimmer
- Dachspitz, über Klapptreppe erreichbar: zwei kleine, identische Zimmer. Die Fläche, ich schätze mal je 6m², wurde bei der Angabe der Wohnfläche (123m²) nicht berücksichtigt. Über diesen Zimmern ist noch ein ca. 0,8m Platz bis zum First.
- eine undichte Stelle in der Werkstatt: Hauseintritt der Elektrozuleitung ist undicht. Je Starkregen laufen ca. 2 Eimer Wasser rein.
- Einige Kellerdecken sind mit einer alt aussehenden Dämmung versehen, sieht mir nach einer dünnen Eigenbau-Styroporschicht aus.
- Heizung: Ölheizung, BJ 1999. Gasanschluss liegt auch im Haus.
- Elektrik zweiadrig.
- Böden überall Holzdielen. In fast allen Räumen liegt Teppich drauf.
- Außenwand lt. Grundriss 30cm Ziegel, darauf Putz.
- Satteldach wurde ca. 1980 neu gedeckt (Biberschwanz) und hat eine Heraklith-Zwischensparrendämmung. Raumwärts dann "Strohmatten-Putz" und Holzverschalung. Es sind von außen keine Unebenheiten zu erkennen, die Ziegel sind halt etwas moosig. Von innen kann man direkt unterm First auf das Gebälk blicken und sieht dort keine Feuchten Stellen o.ä.
Vor dem Gutachtertermin waren wir der Meinung, dass das eine größere Baustelle wird und wir Tabula Rasa machen.
Sprich: sämtliche Leitungen (Wasser, Elektro, Heizung) rausreißen und neu rein, Fassade dämmen, Dach dämmen, neue 3fach-Fenster. Dazu alle Bäder/WC neu, neue Küche sowieso. In Summe hatten wir die gesamten Maßnahmen mit max. 240k abgeschätzt. Freunde von uns, die ein ähnliches Objekt vor drei Jahren komplett saniert haben, hätten unsere Kalkulation auf 300k aufgerundet und dann das komplette Programm (Kernsanierung) mit KfW-Förderung und -Zuschüssen gemacht.
Nun die Erkenntnisse bzw. Gutachtermeinung von gestern:
Vorab: Den Kerl habe ich über ein Gutachterportal organisiert, es musste recht schnell gehen. Ich hatte vorab mit ihm telefoniert um den Umfang der geplanten Maßnahmen zu umreißen und war dann natürlich gespannt, wer da auftaucht. Er ist knapp 70 und laut Visitenkarte geprüfter Gutachter für Gebäudeschäden. Außerdem macht er Schimmelgutachten und baubegleitende Qualitätssicherung. Er scheint prinzipiell so der Typ "Never change a running system" zu sein. Seine Meinung zur Bausubstanz nehme ich ihm ab, bei manchen Themen schien er nicht besonders sattelfest zu sein (z.B. hätte die Effizienz einer Brennwertheizung und Rücklauftemperatur/Temperaturniveau nichts miteinander zu tun. Dämmzwang gäbe es auch nicht).
- Er hat in fast allen Räumen die Wandfeuchte gemessen. Dafür, dass das Haus zwei Jahre ungenutzt und ungelüftet herumsteht, seien die Werte gut. In der Werkstatt war natürlich mehr Feuchte zu messen. Die Undichtigkeit würde er wie folgt beheben: Außen um das Hauseck, wo der Schaden ist, in ca. 2m Umkreis bis auf Niveau Kellerboden aufgraben. Elektrozuleitung abklemmen und zurückziehen, neue Kernbohrung setzen und mit einer ordentlichen Dichtung versehen. Kosten dafür schätzt er auf ca. 5 T€.
- Er würde außerdem - zu meiner Verwunderung - in den Kellerräumen jeweils kleine Heizkörper installieren um eine Grundbeheizung zur sicheren Schimmelvermeidung herzustellen. Die Wärme sei ja nicht verloren sondern steige auf... Heizkörper im Keller nachzurüsten kam mir spontan komisch vor.
- Heizungstechnisch würde er den Ölkessel durch eine Gasbrennwerttherme ersetzen, das würde schon enorme Einsparungen bringen. Halte ich eher für Quatsch. Und dann die Kiste mit 70/50 laufen lassen und sich wundern, dass gar nix kondensiert.
- Die Außenwand (leichte Risse im Putz, vor allem auf der Südseite) würde er mit einer Putz-auf-Putz-Lösung optisch verschönern, aber keine Dämmung anbringen. Wenn ich das Gebäudeenergiegesetz richtig lese, ist das auch ohne Dämmpflicht möglich. Allerdings habe ich Bauchschmerzen beim Gedanken, auf alten Putz einfach nen neuen "draufzuklatschen" und zu hoffen, dass das schon halten wird. Ist das gängige Praxis?
- Das Dach würde er, wenn ich ihn richtig verstanden habe, ebenfalls lassen. Jedoch ist hier meiner Meinung nach das Gebäudeenergiegesetz eindeutig: oberste Geschossdecke oder Dach ist zu dämmen, wenn die Mindestanforderung nach DIN 4108-2 (2013) nicht eingehalten wird. Das wird die alte Sauerkrautdämmung im Dach nicht schaffen.
- Beim Fenstertausch würde er dementsprechend dann auch nicht die allerdichtesten Fenster einbauen, sondern Zweifachverglasung mit einem u-Wert zwischen 1,3 und 1,5.
- Die Elektrik würde er komplett neu machen und hat empfohlen, dabei mit mindestens 20k Kosten zu rechnen. Heizungs- und Wasserleitungen würde er drinlassen. Auch hier haben wir absolute Bedenken, 60 Jahre alte Leitung einfach weiterzunutzen, auch wenn die noch 20 Jahre halten mögen. Dann im vollbewohnten Zustand die Wände und Böden aufzumachen ist doch ein Graus.
Ich bin interessiert an euren Einschätzungen zu den beschriebenen Punkten. Ich kann bei Bedarf gerne detaillierter ausführen und Info geben. Ich weiß, dass aus der Ferne eine Einschätzung nur schwer möglich ist und vor allem das Thema Dämmung ein insgesamt kontroverses ist. Da ich aber wie erwähnt damit bislang noch nicht zu tun hatte, tue ich mir schwer, die Aussagen dazu richtig einzuschätzen.
Momentan gehe ich davon aus, dass ich mit einem zweiten Fachmann (Gibt es Geheimtipps, wo man gute auftreibt?) nochmals vor Ort gehen sollte und eine Zweitmeinung einhole.
Vielleicht hat ja jemand den ganzen Roman gelesen, selbst Erfahrung mit solchen Projekten und/oder ganz andere Ideen/Einwände, die ich bislang noch gar nicht auf dem Schirm habe.
Ich freue mich, von euch zu lesen und danke vorab für jede Rückmeldung.
schwalbe
D
Deliverer18.10.21 09:15Das Erneuerbare-Energien-Gesetz regelt das ganz eindeutig. Bei Inbetriebnahme garantierte Vergütung für 20 Jahre. Da ändert sich nichts.
Von welchem Schlupfloch Du sprichst, ist mir nicht ganz klar. Das ist eine Förderung. Kein geheimes Angebot, das nur Steuerberater kennen. Es gibt dieses Angebot seit über 20 Jahren und jeder mit einem Dach kann es nutzen. Die, die es vor einigen Jahren schon genutzt haben, haben richtig Asche gemacht. Heute wird man nicht mehr reich, es ist aber immer noch so attraktiv, dass es sich ab einer gewissen Größe sogar lohnt, die Photovoltaik komplett fremd zu finanzieren. Der Netzbetreiber zahlt den Kredit ab und Du nutzt eigenen Ökostrom. Man gibt nur sein Dach für einen guten Zweck her. Das ist Win, Win, Win. Oder so.
Dazu kommt, dass du jederzeit in die Stromvermarktung gehen kannst. Aktuell würdest Du damit mehr Geld verdienen, als mit der normalen Vergütung. Ein Risiko besteht also nur, wenn wir unseren Rechtsstaat verlieren UND gleichzeitig der Strom dann unendlich billig geworden ist. Das eine schließt das andere mMn. aus.
Von welchem Schlupfloch Du sprichst, ist mir nicht ganz klar. Das ist eine Förderung. Kein geheimes Angebot, das nur Steuerberater kennen. Es gibt dieses Angebot seit über 20 Jahren und jeder mit einem Dach kann es nutzen. Die, die es vor einigen Jahren schon genutzt haben, haben richtig Asche gemacht. Heute wird man nicht mehr reich, es ist aber immer noch so attraktiv, dass es sich ab einer gewissen Größe sogar lohnt, die Photovoltaik komplett fremd zu finanzieren. Der Netzbetreiber zahlt den Kredit ab und Du nutzt eigenen Ökostrom. Man gibt nur sein Dach für einen guten Zweck her. Das ist Win, Win, Win. Oder so.
Dazu kommt, dass du jederzeit in die Stromvermarktung gehen kannst. Aktuell würdest Du damit mehr Geld verdienen, als mit der normalen Vergütung. Ein Risiko besteht also nur, wenn wir unseren Rechtsstaat verlieren UND gleichzeitig der Strom dann unendlich billig geworden ist. Das eine schließt das andere mMn. aus.
Vorab: Da es hier wohl eine Art Bautagebuch wird: Könnte bitte mal einer der Mods den Zusatz "Fragwürdige Gutachter-Empfehlungen" im Threadtitel entfernen? Danke!
Zu dem Photovoltaik-Geschwurbel von @Rumbi441 sag ich jetzt mal gar nichts, das tut ja echt beim Lesen weh. Wenn man keine Ahnung hat, ... wie war das noch? Danke @Deliverer für die Geduld und Mühe, mal die Grundlagen darzulegen.
Wir waren am Wochenende fleißig und haben knapp acht Tonnen Sand aus dem EG rausgeschaufelt. Davor natürlich die Bodenbretter rausgerissen und mangels zweitem Container (ich Idiot) erstmal in den Garten geschmissen. Durfte also gestern nochmal ran und den ganzen Kram noch in den dann bestellten Container befördern. Wers nicht im Kopf hat, hats in den Armen 😀
Das Haus riecht jetzt das erste Mal nicht mehr nach Vorbesitzer, sondern nach Baustelle, für mich irgendwie ein besonderer Moment.
Nächstes Wochenende werden wir uns mal um den Garten kümmern.


Rumbi441 schrieb:Ja klar, ich sage der Baufirma "Mach einfach mal wie ihr denkt, ich zahle dann schon."
Auftrag vergeben ohne vohrer eine Bauleistungsbeschreibung und Kostenfixpreis zu machen.... du hast entweder ganz Großes vertrauen oder bist leichtsinnig.
Ysop*** schrieb:Nein, das hast du richtig verstanden, so ist es.
Ich glaube, dass der Planungsauftrag nicht gleichbedeutend damit ist, dass er schon die komplette Umsetzung beauftragt hat. Hier bei uns ist es derzeit so, dass die Planung an sich schon kostet und die Erstellung eines Angebots. Aber vielleicht habe ich es falsch verstanden.
Tassimat schrieb:Photovoltaik im Winter ist nicht so mies wie man meinen möchte. Die Wirkungsgrade sind bei tiefen Temperaturen besser, an einem sonnigen Wintertag gibt es mehr Ertrag als im Hochsommer. Im Sommer hast du (Blüten-)Staub und sonstigen Dreck drauf, wenns wochenlang nicht regnet. Das schlägt auch auf den Ertrag. Bei ausreichender Dachneigung (bei mir sinds knapp 50°) bleibt der Schnee auch nicht liegen, sondern rutscht schnell ab. Zur Not geht man mal aufs Dach und hilft mit dem Besen nach, wenns an den Moduloberkanten festfriert.
Aha, etwa mit Photovoltaik im Winter?
Zu dem Photovoltaik-Geschwurbel von @Rumbi441 sag ich jetzt mal gar nichts, das tut ja echt beim Lesen weh. Wenn man keine Ahnung hat, ... wie war das noch? Danke @Deliverer für die Geduld und Mühe, mal die Grundlagen darzulegen.
Wir waren am Wochenende fleißig und haben knapp acht Tonnen Sand aus dem EG rausgeschaufelt. Davor natürlich die Bodenbretter rausgerissen und mangels zweitem Container (ich Idiot) erstmal in den Garten geschmissen. Durfte also gestern nochmal ran und den ganzen Kram noch in den dann bestellten Container befördern. Wers nicht im Kopf hat, hats in den Armen 😀
Das Haus riecht jetzt das erste Mal nicht mehr nach Vorbesitzer, sondern nach Baustelle, für mich irgendwie ein besonderer Moment.
Nächstes Wochenende werden wir uns mal um den Garten kümmern.
Myrna_Loy schrieb:
warum wollt ihr die Schüttung aus den Böden nehmen? Alte Schüttungen sind hinsichtlich Schwing- und Schallschutz besser, als so manches neue Dämmmaterial.Wir brauchen den Platz für die Wärmedämmung gegen den kalten Keller (im UG wg. 1,93m Raumhöhe kein Platz) und für die Fußbodenheizung.Ähnliche Themen